Kinder-Überraschung

Es ist noch gar nicht lange her, da schwenkte die deutsche Wirtschaft die Fahne des verkürzten Gymnasiums gegen alle Proteste der Eltern und Erfahrungen der Schulen, gegen den Stress der Schüler und gegen jede Vernunft. Möglichst früh sollten die jungen Menschen in den Firmen ankommen, oder, wie es hier vor nur anderthalb Jahren Donate Klugen-Pyta von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände formulierte, „mit G8 sollte das Bildungssystem effizienter und zielgenauer werden.“

Diese Effizienz und Zielgenauigkeit führte nun – wer hätte das gedacht? – zu  Schülern, die es neben einer 45-Stunden-Woche in der Schule nicht geschafft haben, auch noch an ihrer Persönlichkeit zu feilen. Bislang haben vor allem die Hochschulen geklagt, wenn sie 17jährige Absolventen zu betreuen hatten, die ihre Eltern zur Anmeldung mitbringen müssen, keinen geraden Satz schreiben können und hinter jeder Kritik eine Beleidigung vermuten. Jetzt klagt …. die Wirtschaft!

Plötzlich stellen auch Firmenchefs fest, dass die Turbo-Absolventen sich durch eine gewisse Unreife  auszeichnen. Die bayrische Wirtschaft hat jetzt ein Expertengremium beauftragt, den sogenannten „Aktionsrat Bildung“. Und dieser kommt zu dem Schluss, dass heutzutage in der Schule die Persönlichkeitsentwicklung zu kurz kommt.  Also fordert die Studie nun eine mehrdimensionale Bildung, zu der neben musischen, interkulturellen und politischen Kompetenzen auch die Vorbereitung aufs Leben gehört.

Tja. Das ist jetzt natürlich dumm gelaufen. Hätte man sich ja auch gar nicht denken können, dass die Persönlichkeitsentwicklung eigenen Gesetzen gehorcht. Dass sie krumme Wege, nutzlose Rumhängerei, Kneipenjobs, heftige Leidenschaft, vertrödelte Sommer und ziellose Langeweile braucht. Am Ende kommen dabei mit etwas Glück Persönlichkeiten heraus, die die Vielschichtigkeit von Prozessen zu bedenken imstande sind. Zum Beispiel von Schulreformen.

Foto: Flickr, Playmobil Army, k~owl *still not back*