Die Stunde der Feiglinge

Man kann Boris Johnson vieles vorwerfen  – aber nicht, dass ihm der Instinkt für effektvolle Auftritte fehlt. 13 Uhr hatte die konservative Partei als Meldefrist für mögliche Kandidaten als Nachfolger David Camerons gesetzt. Johnson meldete sich erst um kurz vor eins zu Wort. Dann ließ er – ganz zum Schluss einer kleinen Rede und mit erkennbarem Genuss –  die Bombe platzen: Er kandidiere nicht für den Posten des Tory-Vorsitzenden. Und damit auch nicht für den des Premierministers.

Englische Zeitungen schreiben, dies sei der Tatsache zuzuschreiben, dass Justizminister Michael Gove heute Vormittag seine Kandidatur bekannt gab – ausdrücklich übrigens, um Johnson zu verhindern. Es spricht allerdings einiges für die Annahme, dass es der innerparteilichen Anything-but-Boris-Koalition gar nicht bedurft hätte. Johnson sah schon Freitag früh so aus, als würde er sich am liebsten aus dem Staub machen. Er wirkte wie einer, der den besten Freund zum Fahren ohne Führerschein überredet hat und es dann nicht gewesen sein will, wenn das Auto am Baum zerschellt.

In seiner kleinen Boxit-Rede äußerte er die Überzeugung dass er nicht die Person sein könne, die das Land nun in die Verhandlungen über den EU-Austritt führt. Diesen Eindruck hatten schon andere vor ihm. Es ist davon auszugehen, dass er auch nie diese Person sein wollte. Johnson hat sich klassisch verzockt. Er wollte wohl nicht den Brexit, sondern den größtmöglichen Kontrast zu David Cameron. Das ist ihm allerdings gründlich misslungen: Beide stehen nicht zu dem, was sie angerichtet haben. Oder, um es mit Ambrose Bierce zu sagen, „Ein Feigling ist ein Mensch, bei dem der Selbsterhaltungstrieb normal funktioniert.“

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