Es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die bedauern, lange nichts mehr von Kai Diekmann gehört zu haben. Nach seiner Kreativ-Auszeit im Silicon-Valley war es um den Bild-Chefredakteur vergleichsweise ruhig geworden. Und nun das: Unter dem Titel „Das Denkmal“ ist bei Bild.de ein Film zu besichtigen, den auch Rosamunde-Pilcher-Experten nicht schöner hätten inszenieren können. Durch die Dokumentation einer Fotoproduktion (Kohl vor Brandenburger Tor, fotografiert von Andreas Mühe) führt, Überraschung! Kai Diekmann, der aussieht, als wolle er demnächst ein Kalifat in Kreuzberg errichten. Eingeleitet von Musik, die jedem Esoterik-Festival zur Ehre gereichte, wird in salbungsvollem Ton die Geschichte des Fotos erzählt: „Um 7.15 fährt der Wagen von Helmut Kohl vor… Der Bundeskanzler trägt einen dunklen Anzug und eine blaue Krawatte.“ Anschließend besucht Kohl die Bild-Redaktion, wo ihn „tosender Applaus“ erwartet. Schön, wenn man alte Freunde hat. Fehlt nur noch Diekmann in Tränen. Aber hey!, dem ist nicht zum Weinen: 41 Millionen Exemplare ihrer Zeitung mit dem Bild will die Bild zum 9. November an das deutsche Volk verteilen.
Allgemein
Wunder ohne Befehl
Mittwoch Abend vor dem Fernseher: Guckt mal Kinder, wie das damals gekommen ist, mit dem Mauerfall. Ein Bildungstermin.
Aber dann erlebt man staunend, dass die ARD richtig gutes Fernsehen kann. Sogar zur Hauptsendezeit. Meilenweit entfernt von schiefen Tatort-Drehbüchern, Degeto-Schmonzetten und kruden Familienshows. In „Bornholmer Straße“ stimmt einfach alles: Der Ton – fein zwischen komisch und dramatisch tarierend; Schauspieler, die das Wechselbad der Gefühle – Angst und Staunen, Wut und Freude – wundervoll spiegelten; Dialoge, die den Namen verdienen. Ein Hauptdarsteller, der in jedem Moment glaubwürdig war. Sogar das Timing stimmte. Heide Schwochow (Drehbuch) und Christian Schwochow (Regie) schaffen es, dass der Zuschauer einer Geschichte gebannt folgt, deren Ausgang jeder kennt. Das ist große Kunst.
Und so erlebt man es noch einmal: Das Wunder einer Nacht, in der ein Mann im richtigen Moment die richtige Entscheidung trifft. Ganz ohne Befehl.
Zeit für einen Journalistenstreik
Am Donnerstag veröffentlichte das Reporter-Forum die Namen der Journalisten, die für den Deutschen Reporterpreis 2014 nominiert sind. In acht Kategorien wurden 60 Texte benannt. Eine dieser Kategorien lautet: Freier Reporter. Hierbei dürfte es sich künftig um die Königsklasse handeln. Zumindest, wenn man der Logik von Gruner und Jahr folgt, die just einen Tag zuvor die Streichung sämtlicher Textredakteursstellen in der Redaktion der Brigitte-Titel verkündeten.
Dadurch, dass alle schreibenden Redakteure herausgeworfen werden, soll nach Verlagsaussagen künftig „mehr Potenzial und Vielfalt von außen“ hereingeholt werden, die von einem „agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert“ werden. Das klingt natürlich dynamischer, als zuzugeben, dass die Freien einfach viel billiger sind. Schon seltsam, dass der Verlag dem Blatt gleichzeitig „hohes journalistisches Niveau, genaue Recherche, hervorragende Texte“ bescheinigt. Man würde sich wünschen, dass das Reporterforum zum Journalistenstreik aufruft.
Happy Landing
Hartmut Mehdorn vertrat schon vor Jahren die Auffassung, dass Großprojekte in Diktaturen schneller gedeihen. Wenn es noch irgendwelche Zweifel an dieser Wahrheit gab, sind sie seit heute beseitigt. Die Eröffnung des neuen Flughafens von Pjönjang steht unmittelbar bevor, wie die Welt berichtet. Besonders interessant: der Airport entsteht quasi per Hand und in „Korea-Tempo“, weiß ein Korrespondent von AP zu berichten. Während Berlin mit 40 Jahre alten und völlig überlasteten Landebahnen (Tegel), gerade gebauten, aber nicht betriebenen Startbahnen (Schönefeld) und im Dauergebrauch befindlichen, aber langsam zerbröckelnden Skatebahnen (Tempelhof) kämpft, zeigt der Nordkoreaner wie es geht: Von Nordkorea lernen, heißt siegen lernen.
Hier hätte der BER-Aufsichtsrat auch ganz sicher keine Mühe gehabt, sich von seinem unliebsamen Ex- Geschäftsführer Rainer Schwarz zu trennen. Man hätte sich noch nicht mal die Mühe machen müssen, ihm die gesamte Schuld am Flughafen-Desaster in die Schuhe zu schieben. In Deutschland muss man so etwas nicht nur vor Gericht beweisen – man muss auch noch zahlen, wenn die Beweise nicht ausreichen.
Statt eines neuen Eröffnungstermins will Flughafenchef Mehdorn nun übrigens ein Terminband vorstellen. Womit seine Anfangsthese belegt wäre: So etwas wäre in Diktaturen tatsächlich undenkbar.
Reichtum für alle
Ja ist denn schon Weihnachten? „Nicht nur Reiche dürfen profitieren“ forderte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Jürgen Fitschen im heutigen Interview mit dem Tagesspiegel und brachte seine Sorge darüber zum Ausdruck, dass viele Menschen in den vergangenen zehn Jahren keine Reallohnerhöhung gesehen haben. „Irgendwann könnte der Geduldsfaden reißen, wenn die Vermögenden in Zukunft immer mehr verdienen, während zu viele Bürger das Gefühl entwickeln, nicht angemessen teilhaben zu können (…).“ Wem das so ähnlich vorkommt, als fordere der Papst mehr sexuelle Vielfalt in der katholischen Kirche, dem sei gesagt: Fitschen weiß zumindest, wovon er spricht. Die Auszahlung an die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank hat sich inklusive variabler Gewinnbeteiligungen von 2012 auf 2013 um rund ein Drittel auf 36.890.500 Euro erhöht. Da kann man schon mal Bedenken entwickeln, dass die Verkäuferin mit einem Jahresbruttogehalt von durchschnittlich rund 25.000 Euro einen Anflug von Sozialneid verspürt. Dass nur noch 39 Prozent der Deutschen ihren Bankern vertrauen, ist für diese natürlich auch nicht schön. Aber Fitschen weist den Weg: „Die Reichen dürfen ihre Augen nicht vor den Sorgen anderer verschließen.“ Gerüchte, nach denen er demnächst ein Sabbatjahr nehmen will, um in Not geratene Kleinanleger zu betreuen, konnten indes nicht bestätigt werden.
Schluss mit sexy!
Der Berliner SPD reicht es wieder, arm an Stimmen zu sein. Die Mitglieder verzichten künftig auf sexy und haben Michael Müller mit 59 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Klaus Wowereit gewählt. Ganz offensichtlich hatten sie Lust auf Vertrautes. Erstaunlich daran ist höchstens, dass die Mehrheit so deutlich ausgefallen ist. Das dürfte dem Fraktionsvorsitzenden Saleh und dem Landesvorsitzenden Stöß viel Stoff zum Nachdenken über ihre eigene Position innerhalb der Partei geben. Und der Berliner SPD eine Antwort auf die Frage, wie weltoffen und risikobereit sie ist.
Müller eilt nicht der Ruf voraus, übermäßig charismatisch zu sein. Als „ernsthaft und bürgernah“ bezeichnet er sich selbst. Leider wird das von den kapriziösen Berlinern bei Wahlen nicht unbedingt honoriert. Sie hätten ihre Stimme wohl am ehesten dem sehr beliebten Finanzsenator Nußbaum gegeben, der mit harter Sparpolitik nachhaltig dafür sorgte, dass sich die Bürger angesichts maroder Schulbauten und löchriger Straßen weiterhin arm fühlen konnten. Nußbaum allerdings hat gestern seine Demission angekündigt, und dabei darauf verwiesen, dass er „noch mehr Falten bekommen habe“ und in dem Amt „auch nicht jünger“ geworden sei. Schluss mit sexy also, auch für ihn.
Liebling des Monats

Diesen Titel hat sich im Oktober ohne jeden Zweifel Claus Weselsky verdient. Dieses
Beharrungsvermögen, diese kreative Kampfbereitschaft, dieser Schnäuzer. Dieses wohlige
Schwelgen im „Arbeidsgampf“.
Sein Gespür für den richtigen Augenblick ist beeindruckend: Ein flächendeckender Streik an einem Wochenende, an dem in sieben Bundesländern die Schulferien beginnen und in zwei weiteren enden: Chapeau! Diese Idee kommt aus der ganz großen, steinzeitlichen Trickkiste des Arbeitskampfes. Die auf den Bahnhöfen strandenden Familien werden es ihm danken. Da bekommt der Begriff „Abenteuerferien“ eine völllig neue Bedeutung.
Seit Anfang Juni unterhält der zum „Durchstreiken“ entschlossene Weselsky nun die Republik mit seinen originellen Einfällen. Dass es ihm vor allem um mehr Macht im Gewerkschaftsgefüge der Bahn geht, ist da fast schon Nebensache. Allerdings: Um es zum Liebling des Monats November zu schaffen, müsste er schon selbst in den Streik treten. Unbefristet.