Die Debatte um die Montagsdemonstrationen der „Pegida“ ist im vollen Gang und offenbart vor allem Hilflosigkeit. Das hängt mit der Unübersichtlichkeit der beteiligten Demonstranten zusammen, die sich aus Rechtsextremen, Hooligans, ganz normalen Ausländerfeinden, aber eben – tatsächlich – auch Menschen aus der vielbeschworenen „Mitte der Gesellschaft“ zusammensetzen. Torsten Hampel hat diese Menschen im heutigen Tagesspiegel sehr eindrucksvoll porträtiert. Es sind Menschen, die für sich trotz aller Bemühungen keine Chance auf einen sozialen Aufstieg sehen und ihre Wut auf Dritte richten. Das ist traurig und falsch, aber nachvollziehbar. Nicht weniger traurig, dafür aber gar nicht mehr nachvollziehbar ist das Rechtsverständnis, das der stellvertretende AfD-Vorsitzende und Abgeordnete Alexander Gauland für sich definiert. Nach der Vorstrafe des „Pegida“ Initiators gefragt, zitiert ihn die FAZ mit der Aussage, „das Problem der Ausländerkriminalität sei (…) etwas völlig anderes und müsse anders behandelt werden „als das Problem von Deutschen, die mal straffällig geworden sind“. Für Ausländer würden andere Regeln gelten, sagte Gauland.“ Das ist ein interessanter Gedanke, der – zuende gedacht – Artikel Drei des Grundgesetzes negiert. Hier heißt es : „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Unabhängig übrigens, laut Absatz 3 desselben Artikels, von ihrer Abstammung, Herkunft oder Heimat. Sollte Gauland die Auffassung der AfD wiedergeben, hat sie sich hiermit als verfassungsfeindlich erwiesen. Sollte es nicht die Auffassung der AfD sein, müssen sie Herrn Gauland hochkant rausschmeißen. Eins geht nur.
Lernen auf eigene Gefahr
Seit einigen Tagen steht im Internet ein Adventskalender, bei dem die Organisatorinnen vorsorglich darauf hinweisen, dass die Fotos aus der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt stammen – aus Berlin. Dieser Hinweis ist deswegen nötig, weil es sich um Fotos aus Schulen handelt. Sie wissen schon – das sind die Gebäude, die in Berlin jahrelang so systematisch vernachlässigt wurden, dass sie irgendwann anfingen, zu schimmeln, zu verrotten und ganz allgemein zu zerbröseln. An einigen Schulen sind flächendeckend Warnschilder angebracht und Räume gesperrt, damit sich niemand ernstlich verletzt. Manchmal passiert das allerdings zu spät – unlängst kamen drei Schüler ins Krankenhaus, als sie von einem herabfallenden schweren Fenster getroffen wurden. Nur wenig später stürzte in einem Gymnasium eine Lampe von der Decke. Über Kleinigkeiten wie stinkende Toiletten und vor Dreck starrende Klassenräume redet schon niemand mehr. Dafür werden jetzt Container aufgestellt, um der steigenden Schülerzahlen Herr zu werden.
Auf rund zwei Milliarden Euro wird der Sanierungsbedarf an Berlins Schulen mittlerweile geschätzt. Es ist natürlich etwas fies, da die 3,2 Milliarden Euro gegenzuhalten, die Herr Mehdorn unlängst an Sonderwünschen für den Flughafen angemeldet hat. Oder die 93 Millionen, die die Sanierung der Staatsoper wohl an Mehrkosten verursachen wird. Aber der Flughafen sei doch wichtig für die Wirtschaft und die Staatsoper schließlich Hochkultur, sagen Sie? Auch wieder wahr. Wer braucht schon Schulen.
Fleischlose Tiger
Es gibt Unwahrheiten, deren Wahrheitsgehalt auch dadurch nicht steigt, dass sie ausdauernd wiederholt werden. Eine solche Unwahrheit traf die Grünen und lautete: Die Grünen wollen den Deutschen das Fleischessen verbieten.
Das ist falsch. Die Grünen haben im letzten Bundestagswahlkampf angeregt, dass in öffentlichen (!) Kantinen einen (!) Tag in der Woche nur vegetarisch gekocht werden soll. Dieser Vorschlag entspringt zum einen der Erkenntnis, dass der massenhafte Fleischkonsum auf Dauer ein Problem für die Ernährung der Menschheit wird. Zum anderen kann man rein volkswirtschaftlich argumentieren – die mit hohem Fleischkonsum verbundenen Gesundheits-Mehrkosten treffen uns alle. Zum dritten hätte jeder notorische Fleischesser die freie Wahl gehabt, an diesem Tag die Kantine zu meiden und sich an der nächsten Currywurst-Bude zu bedienen.
Politik ist nicht nur, einer Kampagne hinterherzulaufen. Politik bedeutet, Ideen zu entwerfen und sie im Zweifelsfall gegen Kritik zu verteidigen. Dass die Grünen auf ihrem Parteitag jetzt den Veggie-Day opfern, nachdem sie sich anderthalb Jahre lang am vegetarischen Nasenring durch die Manege haben ziehen lassen, ist mindestens charakterlos. Die Trägerin des alternativen Nobelpreises, die zum Abschluss des Parteitages sprach, brachte es auf den Punkt: „Nahrung ist nichts Unwichtiges und nichts Selbstverständliches. Nahrung entscheidet über das Überleben des Planeten.“ Laut Süddeutscher Zeitung applaudierten die Delegierten „wie bei einem Popstar.“
Ampelfrauen und Pfitzmännchen
Deutschland ist ein glückliches Land, in dem ausgeruht über Wesentliches nachgedacht werden kann – zumindest legen das zwei aktuelle Debatten in dieser Woche nahe. In Düsseldorf wird eine Frauenquote für Ampeln gefordert – jede neu zu errichtende oder zu reparierende Ampel möge das Bild einer Ampelfrau tragen und so deutlich machen, dass nicht nur Männer die Straße überqueren. Konsequenter haben das Vielfaltsprinzip nur die Erfurter umgesetzt, auf deren Ampeln die Menschen Regenschirme tragen, Eis essen oder Brot in den Ofen schieben. Natürlich gibt es auch Ampelfrauen.
Im Berliner Bezirk Schöneberg weigern sich die Abgeordneten von SPD und Grünen, eine Straße nach Günther Pfitzmann zu benennen, weil dieser keine Frau war. Das Berliner Straßengesetz sieht aber vor, dass Frauen bei der Verwendung von Personennamen „verstärkt Berücksichtigung finden“ sollen. Einige Bezirke, wie etwa Kreuzberg, legen das sehr eng aus. Andere sind großzügiger, zum Beispiel Pankow. Da es in der Vergangenheit sehr viele nach Männern benannte Straßen gab, wird es ungefähr 350 Jahre dauern, bis die Hälfte der Berliner Straßen nach Frauen benannt ist. Man könnte darüber nachdenken, im Einzelfall zu entscheiden. Dann hätte man einen Moses-Mendelssohn-Platz in Kreuzberg vielleicht nicht abgelehnt.
Wenn es aber ums Prinzip geht, sollte man konsequent sein. Viele Bevölkerungsgruppen finden sich in Berliner Straßennamen sicher nicht ausreichend gewürdigt. Konsequenterweise sollten eine Weile lang nur noch Straßen nach backenden, eisessenden und Regenschirm tragenden Transgender-Frauen mit Migrationshintergrund benannt werden.
Kanzler in Schmalz
Es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, die bedauern, lange nichts mehr von Kai Diekmann gehört zu haben. Nach seiner Kreativ-Auszeit im Silicon-Valley war es um den Bild-Chefredakteur vergleichsweise ruhig geworden. Und nun das: Unter dem Titel „Das Denkmal“ ist bei Bild.de ein Film zu besichtigen, den auch Rosamunde-Pilcher-Experten nicht schöner hätten inszenieren können. Durch die Dokumentation einer Fotoproduktion (Kohl vor Brandenburger Tor, fotografiert von Andreas Mühe) führt, Überraschung! Kai Diekmann, der aussieht, als wolle er demnächst ein Kalifat in Kreuzberg errichten. Eingeleitet von Musik, die jedem Esoterik-Festival zur Ehre gereichte, wird in salbungsvollem Ton die Geschichte des Fotos erzählt: „Um 7.15 fährt der Wagen von Helmut Kohl vor… Der Bundeskanzler trägt einen dunklen Anzug und eine blaue Krawatte.“ Anschließend besucht Kohl die Bild-Redaktion, wo ihn „tosender Applaus“ erwartet. Schön, wenn man alte Freunde hat. Fehlt nur noch Diekmann in Tränen. Aber hey!, dem ist nicht zum Weinen: 41 Millionen Exemplare ihrer Zeitung mit dem Bild will die Bild zum 9. November an das deutsche Volk verteilen.
Wunder ohne Befehl
Mittwoch Abend vor dem Fernseher: Guckt mal Kinder, wie das damals gekommen ist, mit dem Mauerfall. Ein Bildungstermin.
Aber dann erlebt man staunend, dass die ARD richtig gutes Fernsehen kann. Sogar zur Hauptsendezeit. Meilenweit entfernt von schiefen Tatort-Drehbüchern, Degeto-Schmonzetten und kruden Familienshows. In „Bornholmer Straße“ stimmt einfach alles: Der Ton – fein zwischen komisch und dramatisch tarierend; Schauspieler, die das Wechselbad der Gefühle – Angst und Staunen, Wut und Freude – wundervoll spiegelten; Dialoge, die den Namen verdienen. Ein Hauptdarsteller, der in jedem Moment glaubwürdig war. Sogar das Timing stimmte. Heide Schwochow (Drehbuch) und Christian Schwochow (Regie) schaffen es, dass der Zuschauer einer Geschichte gebannt folgt, deren Ausgang jeder kennt. Das ist große Kunst.
Und so erlebt man es noch einmal: Das Wunder einer Nacht, in der ein Mann im richtigen Moment die richtige Entscheidung trifft. Ganz ohne Befehl.
Zeit für einen Journalistenstreik
Am Donnerstag veröffentlichte das Reporter-Forum die Namen der Journalisten, die für den Deutschen Reporterpreis 2014 nominiert sind. In acht Kategorien wurden 60 Texte benannt. Eine dieser Kategorien lautet: Freier Reporter. Hierbei dürfte es sich künftig um die Königsklasse handeln. Zumindest, wenn man der Logik von Gruner und Jahr folgt, die just einen Tag zuvor die Streichung sämtlicher Textredakteursstellen in der Redaktion der Brigitte-Titel verkündeten.
Dadurch, dass alle schreibenden Redakteure herausgeworfen werden, soll nach Verlagsaussagen künftig „mehr Potenzial und Vielfalt von außen“ hereingeholt werden, die von einem „agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert“ werden. Das klingt natürlich dynamischer, als zuzugeben, dass die Freien einfach viel billiger sind. Schon seltsam, dass der Verlag dem Blatt gleichzeitig „hohes journalistisches Niveau, genaue Recherche, hervorragende Texte“ bescheinigt. Man würde sich wünschen, dass das Reporterforum zum Journalistenstreik aufruft.
Happy Landing
Hartmut Mehdorn vertrat schon vor Jahren die Auffassung, dass Großprojekte in Diktaturen schneller gedeihen. Wenn es noch irgendwelche Zweifel an dieser Wahrheit gab, sind sie seit heute beseitigt. Die Eröffnung des neuen Flughafens von Pjönjang steht unmittelbar bevor, wie die Welt berichtet. Besonders interessant: der Airport entsteht quasi per Hand und in „Korea-Tempo“, weiß ein Korrespondent von AP zu berichten. Während Berlin mit 40 Jahre alten und völlig überlasteten Landebahnen (Tegel), gerade gebauten, aber nicht betriebenen Startbahnen (Schönefeld) und im Dauergebrauch befindlichen, aber langsam zerbröckelnden Skatebahnen (Tempelhof) kämpft, zeigt der Nordkoreaner wie es geht: Von Nordkorea lernen, heißt siegen lernen.
Hier hätte der BER-Aufsichtsrat auch ganz sicher keine Mühe gehabt, sich von seinem unliebsamen Ex- Geschäftsführer Rainer Schwarz zu trennen. Man hätte sich noch nicht mal die Mühe machen müssen, ihm die gesamte Schuld am Flughafen-Desaster in die Schuhe zu schieben. In Deutschland muss man so etwas nicht nur vor Gericht beweisen – man muss auch noch zahlen, wenn die Beweise nicht ausreichen.
Statt eines neuen Eröffnungstermins will Flughafenchef Mehdorn nun übrigens ein Terminband vorstellen. Womit seine Anfangsthese belegt wäre: So etwas wäre in Diktaturen tatsächlich undenkbar.
Reichtum für alle
Ja ist denn schon Weihnachten? „Nicht nur Reiche dürfen profitieren“ forderte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Jürgen Fitschen im heutigen Interview mit dem Tagesspiegel und brachte seine Sorge darüber zum Ausdruck, dass viele Menschen in den vergangenen zehn Jahren keine Reallohnerhöhung gesehen haben. „Irgendwann könnte der Geduldsfaden reißen, wenn die Vermögenden in Zukunft immer mehr verdienen, während zu viele Bürger das Gefühl entwickeln, nicht angemessen teilhaben zu können (…).“ Wem das so ähnlich vorkommt, als fordere der Papst mehr sexuelle Vielfalt in der katholischen Kirche, dem sei gesagt: Fitschen weiß zumindest, wovon er spricht. Die Auszahlung an die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank hat sich inklusive variabler Gewinnbeteiligungen von 2012 auf 2013 um rund ein Drittel auf 36.890.500 Euro erhöht. Da kann man schon mal Bedenken entwickeln, dass die Verkäuferin mit einem Jahresbruttogehalt von durchschnittlich rund 25.000 Euro einen Anflug von Sozialneid verspürt. Dass nur noch 39 Prozent der Deutschen ihren Bankern vertrauen, ist für diese natürlich auch nicht schön. Aber Fitschen weist den Weg: „Die Reichen dürfen ihre Augen nicht vor den Sorgen anderer verschließen.“ Gerüchte, nach denen er demnächst ein Sabbatjahr nehmen will, um in Not geratene Kleinanleger zu betreuen, konnten indes nicht bestätigt werden.
Schluss mit sexy!
Der Berliner SPD reicht es wieder, arm an Stimmen zu sein. Die Mitglieder verzichten künftig auf sexy und haben Michael Müller mit 59 Prozent der Stimmen zum Nachfolger von Klaus Wowereit gewählt. Ganz offensichtlich hatten sie Lust auf Vertrautes. Erstaunlich daran ist höchstens, dass die Mehrheit so deutlich ausgefallen ist. Das dürfte dem Fraktionsvorsitzenden Saleh und dem Landesvorsitzenden Stöß viel Stoff zum Nachdenken über ihre eigene Position innerhalb der Partei geben. Und der Berliner SPD eine Antwort auf die Frage, wie weltoffen und risikobereit sie ist.
Müller eilt nicht der Ruf voraus, übermäßig charismatisch zu sein. Als „ernsthaft und bürgernah“ bezeichnet er sich selbst. Leider wird das von den kapriziösen Berlinern bei Wahlen nicht unbedingt honoriert. Sie hätten ihre Stimme wohl am ehesten dem sehr beliebten Finanzsenator Nußbaum gegeben, der mit harter Sparpolitik nachhaltig dafür sorgte, dass sich die Bürger angesichts maroder Schulbauten und löchriger Straßen weiterhin arm fühlen konnten. Nußbaum allerdings hat gestern seine Demission angekündigt, und dabei darauf verwiesen, dass er „noch mehr Falten bekommen habe“ und in dem Amt „auch nicht jünger“ geworden sei. Schluss mit sexy also, auch für ihn.